Stranderlebnisse

Eine „Vorahnung“ von Plastic Planet hatten wir bereits vergangenen Sommer. Wie schon in den letzten paar Jahren, sind wir in der letzten Ferienwoche nach Kroatien gefahren. Natürlich ist uns nicht zum ersten Mal aufgefallen, dass an den – um diese Zeit wirklich schon einsamen und idyllischen Stränden – teilweise beträchtliche Mengen an Müll lagern.

Irgendetwas war im Vorjahr allerdings anders. Vielleicht lag es daran, dass Kroatien (möglicherweise als eine Art „Notwehrreaktion“) 2009 ein Pfandsystem für Plastikflaschen eingeführt hat. Für Plastikflaschen jeder Art und Größe erhält man nun bei Rückgabe im Geschäft bares Geld. Wahrscheinlich hat das unseren Fokus noch stärker auf den Plastikmüll an den Stränden gelegt. Samuel, dem man eine gewisse „natürliche“ Geschäftstüchtigkeit attestieren muss, witterte auch sogleich eine Gelegenheit, sein Taschengeld ein wenig aufzubessern.

Allerdings hat sich die Thematik damit nur um einen neuen Aspekt erweitert. Auf die wirklich brennende Frage unserer Kinder „Warum schmeißen die Leute ihren ganzen Müll auf die schönen Strände?“, konnten wir seit Jahren nicht befriedigend antworten, was allerdings – und das wurde mir tatsächlich erst im letzten Jahr in voller Tragweite bewusst – nicht nur an der mangelnden Fähigkeit lag, sich in die Motivationslage anderer Menschen einzufühlen. In gewisser Weise war hier tatsächlich die Frage falsch gestellt.

Der Müll kommt „von selbst“, aber nicht freiwillig

Wir hatten uns angewöhnt, die Buchten, die wir im Laufe des Vormittags aufsuchten, zuerst von Plastik (und sonstigem Müll) zu „befreien“, den wir dann vorläufig an einer Stelle anhäuften. Unsere eigenen, auch nicht unbeträchtlichen Mengen an Plastikmüll samt den gesammelten „Fremdmüllhäufen“ transportierten wir allabendlich brav vom Strand ab. Da wir teilweise tatsächlich bis zum Abend alleine am Strand waren, wurde es schließlich doch klar, dass die großen Mengen an Plastikmüll, die sich schon am nächsten Morgen wieder am selben Strand angesammelt hatten, nicht von irgendwelchen vereinzelten nächtlichen Strandbesuchern stammen konnten. Nicht nur Menge, sondern auch die Beschaffenheit des Mülls waren für diese Erkenntnis Ausschlag gebend: Plastikkisten, Plastikpaletten, Plastikflaschen und –verschlüsse jeglicher Art, verschiedenste Verpackungen aus Plastik und natürlich jede Menge Plastiksackerl in allen Größen und Farben. Es gibt zwar auch noch immer genug Urlauber, die es nicht schaffen, die mitgebrachten Verpackungen im leeren Zustand wieder vom Strand mitzunehmen, aber diese Menge und Mischung war dadurch alleine nicht erklärbar.

Der Müll kam also tatsächlich „von selbst“ auf den Strand, was aber natürlich auch keine wirklich plausible Erklärung war. Aber wie erklärt man Kindern (oder sich selbst) plausibel, weshalb ein Meer, an dessen Ufer man sich zum Zwecke des Naturerlebens und der Erholung begibt, über Nacht einen sauber verlassenen Strand in eine Müllhalde verwandelt? Naja, natürlich macht das Meer das nicht „freiwillig“.

In Plastic Planet gibt es eine sehr schöne Szene, in der John Taylor, der Chef von PlasticsEurope, Werner Boote erklärt, dass „die Gesellschaft“ für die Umweltproblematik, die durch Plastik entsteht, verantwortlich ist. Als ich voriges Jahr beim Anblick der immer wieder kehrenden Plastikflut leicht deprimiert in der Sonne saß, kannte ich diese Aussage noch nicht! Beim Nachdenken darüber, warum das Meer all diese Dinge anspült, machte ich mir dennoch auch ein paar Gedanken darüber, wer denn nun dafür verantwortlich sein könnte. Und mir kam auch schon der Gedanke, dass da in der angeblich so logischen Kette von Mülltrennung, Recycling, schadstoffarmer Verbrennung usw. irgendetwas nicht stimmen kann. Denn woher käme sonst all der Müll? Diese vielleicht für manche etwas naiv anmutende Frage stellte ich mir allerdings im ernsthaften Bemühen, eine verständliche Antwort auf die Fragen der Kinder zu finden.

Auf den eigentlich so einfachen und logischen Schluss, dass das Problem ganz entscheidend mit jeder einzelnen unserer Kaufentscheidungen zusammenhängt, brachte mich endgültig aber erst der Film.

Vom Umdenken zum „Umhandeln“

Gewiss gibt es für Plastik auch sehr sinnvolle Anwendungsbereiche, aber „die Gesellschaft“ verwendet Plastik (also Materialien, die einige 100 Jahre haltbar sein können) in rauen Mengen als Wegwerfprodukt und fördert damit eine Industrie, die uns zwar weismachen will, dass das alles unbedenklich und sauber ist, für die unübersehbaren Konsequenzen dieser Unwahrheit allerdings keine Verantwortung übernimmt. Um das festzustellen, brauchen wir nicht in den Pazifik zu reisen!

Selbst wenn wir es schaffen, uns die Schadstoffbelastung durch Kunststoffe teilweise „schönzureden“ (was ja ein nicht ganz unverständliches Schutzverhalten ist, wenn man diese Materialien jahrzehntelang unbekümmert benutzt hat…), daran dass Mülltrennen nicht reicht, daran, dass Recycling nicht ausreichend funktioniert, daran, dass sich auch die Schadstoffe in den Filtern der besten Müllverbrennungsanlagen der Welt NICHT in Luft auflösen, führt kein Weg vorbei!

Für mich als Teil dieser Gesellschaft war es letztlich ein logischer Schluss, dass ich auch eine Verantwortung für all das trage (insofern muss ich dem PlasticsEurope-Chef tatsächlich Recht geben). Unser Experiment war in diesem Sinne auch ein Versuch, festzustellen, wie wir diese Verantwortung wahrnehmen können und wie sich das auf unser alltägliches Leben auswirkt.Sozusagen der logische Schritt vom Umdenken zum „Umhandeln“ .

Und aufmerksame LeserInnen dieses Blogs konnten vielleicht schon erkennen, dass es sich bisher äußerst positiv ausgewirkt hat.

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